MEOS-Mitarbeitende laden zu einem Programm ein, das wegen den Corona-Einschränkungen verschoben werden musste.

 

„Wer in normalen Zeiten keine persönlichen Beziehungen zu Migranten pflegt, wird dies in Krisenzeiten kaum aufholen können“, betonen Markus Frauchiger (62) und Johannes Müller (59). Sie gehören zum Leitungsteam der Organisation MEOS – Interkulturelle Dienste mit Sitz in Adliswil ZH. Beide waren selber über Jahre Migranten, der eine in Pakistan und der andere im afrikanischen Land Guinea. Seit rund zehn Jahren sind sie zurück in der Schweiz und engagieren sich hier für andere Migranten. Markus Frauchiger profitiert davon, dass er Urdu spricht, die Staatssprache Pakistans. Mit dieser Sprache kann er sich mit vielen Menschen aus Afghanistan, Indien und anderen Ländern Südasiens verständigen. Johannes Müller und seine Frau Barbara wiederum widmen sich verschiedensten Migranten, von denen viele aus Afrika stammen.

 

Das offene Ohr

In Krisen wie der aktuellen Corona-Zeit haben MEOS-Mitarbeitende ein ganz besonders offenes Ohr, um Migranten bei neuen Herausforderungen beizustehen. Das gehört seit der Gründung der MEOS in den 1960er-Jahren zu ihrem Wesen. „Vor wenigen Tagen rief mich ein aus Südasien stammender Mann ganz verzweifelt an“, schildert Markus Frauchiger. Sechs Jahre hatten sie keinen Kontakt mehr gehabt, und doch kam diesem Mann jetzt MEOS-Mitarbeiter Frauchiger in den Sinn, der ihn beraten könnte. Der Migrant betreibt in der Schweiz einen kleinen Non-Food-Laden für Leute aus seinem Kulturkreis. „Ich hatte im März rege Kundschaft für das iranische Neujahrsfest vom 21. März erwartet und dafür über 10 000 Franken investiert“, beschrieb er am Telefon seine Geschichte. „Doch wie alle anderen musste ich meinen Non-Food-Laden schliessen und jetzt kann ich die Rechnungen nicht bezahlen.“ Zwar spricht er recht gut Deutsch, aber für komplexere administrative Schritte ist er überfordert. Markus Frauchiger konnte ihm und dem Buchhalter, einem Mann aus dem Balkan, Möglichkeiten und administrative Massnahmen erklären und ihn an die richtigen Ämter verweisen. „Dabei blieb es aber nicht. Südasiaten sprechen schnell auch über Religion. Der Mann ist auch enttäuscht vom Islam. Ein persönliches Gespräch über Glaubensfragen entwickelte sich“, fasst Frauchiger die momentane Entwicklung des Kontakts zusammen. Immer wieder merkt er auch, dass Migranten Gebet erwarten, weil sie darin Hoffnung erleben.

 

Problem Schulschliessungen

Einer alleinerziehenden Afrikanerin hat Johannes Müller kürzlich den Lebenslauf für Bewerbungen aktualisiert, während seine Frau Barbara mit ihr regelmässig über persönliche Fragen spricht. Diese Frau hat, wie sehr viele Migranten, ein Handy, jedoch keinen Computer. Für Bewerbungen wie auch andere administrative Schritte ist dies oft ein Hindernis. Die alleinerziehende Mutter kann ihrem Kind auch keine Unterstützung bieten, während der Schulbetrieb wegen der Corona-Situation zu Hause durchgeführt werden muss. „Die Schulschliessungen treffen Migranten besonders hart“, ist Johannes Müller überzeugt. Die meisten unterstützenden Angebote seien momentan geschlossen. „Die aktuelle Krisensituation könnte mit sich bringen, dass sich die Schere zwischen den sozialen Schichten in unserem Land weiter öffnet“, befürchtet er. Und er denkt dabei auch an abgewiesene Asylbewerber und Sans Papiers, die es am härtesten treffe, weil ihnen auch noch die letzten kleinen Hilfen wegbrechen.

 

Isolation von Menschen aus islamischen Ländern

Diese Beispiele stehen für unzählige Kontakte, bei denen MEOS-Mitarbeitende Brücken schlagen, um Migranten in Not zu helfen. Nicht immer sind aber die Lösungen in Griffweite, erst recht nicht in Corona-Zeiten.

 

MEOS – Interkulturelle Dienste

MEOS – Interkulturelle Dienste mit Sitz in Adliswil ZH besteht hauptsächlich aus den Bereichen „Asyl und Migration“, „MEOS Medien“, „Christen begegnen Muslimen“ und „Team K – Kirchen interkulturell dienen“. Die Gesamtverantwortung trägt Niklaus Meier in einem Dreierteam mit Johannes Müller und Markus Frauchiger.

 

(Dies ist ein Auszug aus einem Artikel im Wochenmagazin ideaSpektrum 16.2020.)

Autor: David Gysel
Foto: African Link
23.4.20