Wie erleben internationale Gemeinden und Migrationskirchen die Corona-Krise? Als erstes ging wohl eine Illusion verloren: Auch in der Schweiz wird man nicht vor jeder Bedrohung bewahrt. Berhanu Chernet, ein äthiopischer Pastor in Bern, sagte: «Als wir als Flüchtlinge in die Schweiz kamen, dachten wir, dass wir in einem sicheren Land sind. Aber wir haben gemerkt, dass auch in der Schweiz Leute sterben. Und wir haben gelernt, dass Vertrauen auf Gott überall wichtig ist.»

 

Rasche Umstellung

Einen Tag nachdem der Bundesrat Grossveranstaltungen einschränkte, führten meine Frau Barbara und ich in einer afrikanischen Gemeinde eine Schulung über die Arbeit mit Kindern durch. Zu unserer Überraschung hatten die Christen nichts von der Ankündigung mitbekommen. Von dieser Massnahme waren sie auch noch nicht betroffen, im Gegensatz zum Lockdown, der zwei Wochen später erfolgte.

Der bereits erwähnte äthiopische Pastor drückte seine Überraschung aus: «Wir dachten nicht, dass Kirchen geschlossen werden könnten. In Äthiopien oder Eritrea erwarteten wir das wegen der Verfolgung, aber nicht hier.» Trotzdem stellten die internationalen Gemeinden sehr rasch um.

 

Kreative Lösungen

Als ich ein paar Pastoren telefonierte, staunte ich, wie kreativ sie neue Lösungen gefunden hatten. Einige internationale Gemeinden und Migrationskirchen waren schon vor der Krise auf Facebook präsent und verlegten ihre wichtigsten Aktivitäten auf diesen Kanal. Andere übertrugen Gottesdienste über Youtube. Die Assemblée Chrétienne in Basel schaltete jeden Sonntag eine Telefonkonferenz, in die sich die Mitglieder einwählen konnten. Die Kleingruppen beschränkte sie auf die Familien, aber um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken, sendeten alle einander ein Selfie und den Bibeltext, den sie gelesen hatten.

Die TCF-Gemeinde musste ihr traditionelles Osterweekend in Interlaken absagen und ersetzte es kurzfristig durch ein Facebook-Programm, das in verschiedenen Blöcken verteilt über die Ostertage übertragen wurden. Pastor Anthony Joseph, unser MEOS-Kollege, organisierte sogar einen Wettbewerb, damit die Gemeindeglieder ermutigt wurden, sich regelmässig einzuklinken. Die Teilnahme war noch nie so gross und übertraf alle Erwartungen.

 

Trotzdem eine Krise

Obwohl der verordnete Rückzug ins Heim nicht dem Lebensgefühl vieler Migranten entspricht, sahen einige Pastoren auch positive Punkte. Vor allem wurde die persönliche Beziehung vieler Christen zu Jesus gestärkt. Die Gemeindeglieder, vor allem ältere, die über keine elektronischen Kommunikationsmittel verfügen oder kein Flair für neue Medien haben, wurden jedoch isoliert.

Viele Migrantenfamilien waren ganz neu aufeinander angewiesen. Praktisch alle Kinderprogramme der Gemeinden kamen zum Erliegen. Als Ermutigung stellten Barbara und ich eine Liste mit Links zu christlichen Webangeboten für Kinder zusammen, die wir einigen Gemeinden und Familien mailen konnten.

Mehrere Pastoren berichteten mir, dass die Spendeneinnahmen ihrer Gemeinden – die oft sowieso nicht riesig waren – praktisch ganz weggebrochen sind. Die meisten Christen spenden bar in den Gottesdiensten, und die fanden ja nicht statt. Ausserdem erhalten sie News von ihren Verwandten in den Herkunftsländern, die ohne staatliches Auffangnetz von den wirtschaftlichen Folgen der Krise betroffen sind, und sie zeigen sich solidarisch, so gut sie können. Einige Christen verloren ihre Stellen schon früh in der Krise – da bleibt für die Gemeinde nicht viel übrig.

 

Vorsichtige Öffnung

Wenn schon die Bewältigung der Krise anspruchsvoll war, wurde es die Öffnung noch mehr. Die Auflagen waren zumindest am Anfang so kompliziert, dass sich nur einzelne Gemeinden rasch getrauten, mit den Gottesdiensten zu starten. Ein paar Pastoren erzählten mir auch, dass sich einige Gemeindeglieder gar nicht getrauen, schon teilzunehmen – die Verunsicherung ist gross. Als Hilfestellung führte die Arbeitsgemeinschaft interkulturell der Evangelischen Allianz Anfang Juni Videokonferenzen durch, bei denen internationale Pastoren ihre Fragen stellen konnten.

Mitten in aller Ungewissheit betonen viele internationale Pastoren und Christen: Unsere wahre Sicherheit ist in Jesus, der uns allein in Not, Krankheit und sogar Tod seine Fürsorge zusagt.

 

Autor: Johannes Müller
Foto: African Link
5.9.20