Die Eindrückliche Geschichte von Justine und Karam Abdelmasseeh

 

Justine und Karam Abdelmasseeh sind unabhängig voneinander als verfolgte Christen aus dem Nahen Osten in die Schweiz geflüchtet. Hier haben sich die beiden dann kennengelernt. Seit drei Jahren führen sie den «Bretzelkönig» im Bahnhof Freiburg.

 

Wer im Bahnhof Freiburg Lust auf Laugenbretzeln hat, muss nicht weit suchen. Im Ausgang zum Busbahnhof liegt auf der rechten Seite die Bretzelkönig-Filiale von Justine und Karam Abdelmasseeh. Wer ihr freundliches Lächeln kennt, wird kaum vermuten, was sie als Christen in ihrer Heimat durchgemacht haben. Justine wurde in Ägypten als Muslimin geboren und trat mit 19 Jahren zum koptisch-orthodoxen Christentum über. Ihre Familie versuchte alles, um ihren Entscheid rückgängig zu machen. Karams Familie stammt aus dem Irak und ist syrisch-katholisch. Wie viele Christen dort wurde seine Familie vom Isis verfolgt. Karams Flucht führte ihn nach Bern. Justine und Karam lernten sich vor fünf Jahren in einer Kirche für arabische Christen in Bern kennen. Heute leben sie mit ihren fünf Kindern im freiburgischen Prez-vers-Noréaz.

 

Karam Abdelmasseeh, warum haben Sie den Irak verlassen?

Weil ich Christ bin. Da, wo ich Ende 2007 wohnte, gab es eine islamische Armee. Sie versuchten zweimal, mich zu verhaften. Einmal verfolgten sie mich mit einem Auto, das andere Mal warteten sie bei mir zu Hause auf mich, aber ich war nicht dort. Da riefen sie mich an und verlangten 30 000 Dollar. Sie waren gegen die USA und wollten Geld von Christen, weil die Amerikaner (die damalige Besatzungsmacht, Anm. d. Red.) Christen waren und weil wir «kufr» sind, das heisst den islamischen Glauben ablehnen. Es war sehr schwierig. Da sagte mein Vater zu mir: «Es ist besser, wenn Du weggehst.» Meine Eltern hielten sich versteckt, bis 2011 der Isis kam. Heute leben sie im Nordirak, in der Autonomen Region Kurdistan.

 

Wie sind Sie in die Schweiz gekommen?

Illegal, über die Türkei, Griechenland, Italien und Deutschland. Es dauerte fast ein Jahr. Am 1. Januar 2009 erreichte ich das Durchgangszentrum Basel.

 

Was geschah dann?

Das Zentrum war geschlossen. Man sagte mir, ich solle am nächsten Tag wiederkommen. Ich wusste nicht, wo ich übernachten sollte. Dies war der Anfang meiner persönlichen Beziehung zu Gott. Ich konnte nicht draussen schlafen. Es war kalt. Ich fand eine Telefonkabine und betete vor dem Einschlafen, wie ich es immer machte, wenn ich Probleme hatte. Ich bat Gott, mir bis zum nächsten Tag zu helfen, und versuchte einzuschlafen. Da öffnete sich die Tür. Es war ein reformierter Pfarrer mit seiner Tochter. Ich zeigte ihm meine Papiere. Er nahm mich mit zu sich nach Hause. Seine Frau kochte mir eine Mahlzeit und liess mich neben der Heizung schlafen. Ich sagte zu mir: Gott liebt mich so sehr, dass er mir diese Rettung geschickt hat. Nie zuvor hatte ich so etwas gedacht. Ich war ein einfacher Christ gewesen. Mein Herz war wie ausgewechselt.

 

Justine Abdelmasseeh, wie sind Sie in die Schweiz ­gekommen?

Direkt mit dem Flugzeug aus Ägypten. Die Schweizer Botschaft in Kairo hatte mir Asyl gewährt.

 

Weshalb?

Das ist eine lange Geschichte. Als meine Familie erfahren hatte, dass ich Christin geworden war, bekam ich grosse Probleme. Eine ägyptische Ordensschwester, die in der Schweiz lebte und die ich zufällig kennen gelernt hatte, hatte mir einmal gesagt, wenn ich in eine Notlage geraten sollte, solle ich sie anrufen, dann würde sie mir helfen. Als die Situation für mich unerträglich wurde, kontaktierte ich sie. Sie gab ein Gesuch ein und ich erhielt sofort die Zusage.

 

Warum sind Sie zum ­Christentum konvertiert?

Als ich 19 Jahre alt war, arbeitete ich als Spitex-Pflegerin. Das Unternehmen wurde von Christen geführt. Ich lernte dort andere Christen kennen und durch sie Jesus. Als ich einmal ein Problem hatte, sprach ich mit einer Kollegin darüber. Sie sagte: «Ich werde für Dich beten.» Wir gingen zusammen in die Kirche. Ich glaubte nicht, dass dies helfen würde. Sie sagte: «Wenn Du glaubst, dann wird sich Dein Problem lösen.» Ich sagte, dies sei nicht möglich. Aber ein, zwei Tage später war mein Problem gelöst. Es war ein Wunder. Seither ist mein Herz offen für Jesus. Ich war neugierig und stellte meiner Freundin hinter vorgehaltener Hand alle möglichen Fragen über den christlichen Glauben. Sie gab mir Bücher, in denen ich mehr über das Christentum erfuhr, und machte mich mit anderen Christen bekannt. So begann mein Weg als Christin.

 

War das gefährlich?

Sehr. Ein Muslim darf nicht Christ werden. Die Scharia schreibt vor, dass seine Familie ihn umbringen muss. Gott sei Dank habe ich eine gute Familie. Sie schrien mich an und beleidigten mich, aber sie wollten mich nicht umbringen. Mein Vater war auf dem Laufenden. Ich schützte mich mit Ausreden, ihm entging aber nicht, dass ich mich für das Christentum interessierte und christliche Bücher las. Ich versprach ihm mehrmals, damit aufzuhören. Er vertraute mir. Eines Tages erzählte ihm jemand, dass ich Christin geworden sei und sein Haus verlassen werde. Da wurde er aktiv.

 

Was tat er?

Er schloss mich zu Hause ein und bemühte sich, mich zu verheiraten, damit ich nicht entkommen konnte. Das dauerte ein, zwei Jahre so, dann verliess ich mein Elternhaus. Ich ging zu einer Frau, einer Christin, die mir einst versprochen hatte, dass ihr Haus für mich offen­stehe. Eineinhalb Jahre lebte ich im Versteck, erst bei dieser Frau, dann bei einer älteren Patientin, die ich pflegte. Damals lernte ich bei der Arbeit einen Mann kennen, einen Christen, mit dem ich anfing, mich zu treffen. Wir heirateten im Geheimen, lebten aber getrennt, er bei sich und ich bei jener Frau. Wir trafen uns an den Wochenenden. Ich wurde schwanger. Ich liess ein Kreuz auf mein Handgelenk tätowieren, wie es unter Kopten üblich ist. Ich wollte das und war stolz darauf. Mein Leben ging normal weiter.

 

Wie lange?

Mein Vater musste mich in der Stadt entdeckt haben. Eines Tages stand er vor der Haustür. Ich erschrak sehr. Ich war im fünften Monat schwanger. Mein Vater stand in Tränen und versicherte mir, wie sehr er sich freue, mich endlich gefunden zu haben. Ich solle wieder mit ihm nach Hause gehen. Ich antwortete: Vater, ich bin verheiratet, bin Christin geworden und erwarte ein Kind. Er war völlig verdutzt, sagte, ich solle meinen Bauch verhüllen und mit ihm gehen. Das tat ich. Meine ganze Familie empfing mich. Es war ein gutes Wiedersehen.

 

Was geschah dann?

Am nächsten Tag ging es los. Ob ich nicht mehr Muslimin sei? Ich sagte, nein, ich sei aus dem Innersten meines Herzens Christin geworden. Ich würde an Jesus glauben, und dies ginge allein auf mich zurück. Für Muslime ist das undenkbar. Meine Familie sagte, meine Ehe sei nicht echt, und forderten Heiratsdokumente. Es gab aber ­keine, denn in Ägypten wäre dies zu gefährlich. Mein Vater fragte, wie wir ohne Heiratsdokumente mein Kind anmelden sollten. Mein Mann sagte, macht, was ihr wollt, aber lasst Justine und das Kind in Ruhe. Mein Vater war damit einverstanden, verlangte aber, dass mein Mann und ich muslimisch heiraten würden. Ich fragte, wie? Er antwortete: «Entweder Ihr tut es, oder Ihr müsst das Baby abtreiben» (schluckt leer). Mein Mann müsse vor der Heirat Muslim werden. Der Pfarrer war damit einverstanden. Er sagte: «Behaltet Eure Herzen rein, und bringt das Kind zur Welt.» Mein Mann erklärte sich bereit, brachte es aber nicht übers Herz, sich zu Mohammed zu bekennen.

 

Wie weiter?

Mein Vater sagte, der Form halber müsse ich einen Muslim heiraten, nach dem muslimischen Ritus. Mein Kind werde offiziell das meiner Mutter sein. Ich sagte, das könne ich nicht akzeptieren, und liess mein Kind abtreiben. Danach fühlte ich mich mehrere Monate lang schlecht. Meine Mutter ging häufig beten, damit ich wieder Muslimin würde. Doch ich wusste, dass dies keine Option war (Stimme stockt). Meine Zunge wollte Jesus preisen. Es war schlimm. Da erinnerte ich mich an jene Frau, bei der ich gewohnt und die mir ihre Hilfe angeboten hatte. Ich bat sie, mich zu retten. Sie nahm Kontakt zu jener schweizerischen Ordensschwester auf und erklärte ihr meine Situation.

 

Wie haben Sie Ägypten verlassen?

Meine Familie drängte darauf, mich zu verheiraten. Ich war völlig erschöpft und akzeptierte. Ich verlobte mich mit einem Muslim. Mein tatsächlicher Mann war abwesend. Ich sagte ihm: «Tu etwas.» Wir stellten einen Antrag auf der Schweizer Botschaft in Kairo. Die Zeit eilte, da ich mich mit meinem muslimischen Verlobten verheiraten sollte. Als 21-jährige verheiratete Frau hätte ich das Land ohne seine Erlaubnis nicht mehr verlassen können. Wir erhielten das Visum an einem Mittwoch. Man riet uns, sicherheitshalber getrennt zu reisen. Er reiste am Donnerstag ab, ich am Freitag.

 

Sie sagen, Ihr Abschied sei ein Wunder gewesen?

Meine Familie bereitete meine muslimische Hochzeit vor. Ich verliess das Elternhaus. Meine Mutter schickte mir meinen Bruder nach. Ich ging zur Kirche, die wie alle Kirchen in Ägypten von einem Sicherheitsmann bewacht wurde. Ich flehte ihn an, er solle mich von meinem Belästiger befreien. Der sagte, er sei mein Bruder. Ich stritt es ab. So erreichte ich mit verschiedenen Taxis den Flughafen. Vom Flughafen Genf wurden wir ins Empfangszen­trum Vallorbe transferiert.

 

Wie begann Ihr Leben in der Schweiz?

Vier Jahre lang fühlte ich mich schlecht. Anfangs war ich krank. Man brachte mich jeden Tag ins Spital. Man fand Gliedmassen meines ersten Kindes in mir. Die Abtreibung in Ägypten war nicht gründlich gemacht worden. Ich lebte dann neun Monate mit meinem Mann in einer Asylunterkunft in Broc. Als ich wieder schwanger wurde, fanden wir in Freiburg eine Wohnung. Mein Mann war aber ein anderer geworden, als wir die Aufenthaltsbewilligung erhalten hatten. Ich sah ihn mit anderen Frauen; das nahm ich nicht hin. Er brüllte mich an und ohrfeigte mich. Er verbrachte die meiste Zeit mit gleichaltrigen jungen Männern, spielte Fussball … In den arabischen Ländern gibt es keine Freiheit, und hier war plötzlich alles möglich. Ich machte einen Selbstmordversuch. Nach sieben Jahren trennten wir uns.

 

Wie haben Sie Karam kennen gelernt?

Wir lernten uns bei der Freien Evangelischen Kirche (FEG) Bern kennen, wo arabische Christen Gottesdienst feiern können. Wir singen auf Arabisch, lesen in der Bibel, beten und helfen einander. Wir treffen uns einmal im Monat, dazwischen neu auch in Freiburg, auch bei der Freien Evangelischen Kirche. Karam leitet dort den Gottesdienst.

Karam: Seit drei Monaten arbeite ich einen Tag pro Woche bei der Kirche, die wir besuchen.
Lernten sich bei der FEG auch andere Paare kennen?

Justine: Ja, mehrere. Für junge arabische Christen ist es nicht einfach, hier jemanden zu finden. Einige versuchen es in ihrer Heimat, aber das geht meist nicht, da sie sich dann nicht wirklich kennen. Das war auch ein Problem mit meinem ersten Mann. Wir hatten nie eine normale Zeit miteinander verbracht und kannten uns nicht gut. Karam und ich lernten uns über mehrere Jahre unter normalen Umständen kennen, bevor wir heirateten. Ich kannte seinen Charakter gut.

 

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Karam: Ich bete regelmässig, dass ich tue, was Gott von mir will. Ich bete auch, dass mehr Menschen Gott kennenlernen. Viele haben ein falsches Bild von ihm. Gott ist die Liebe. Zurzeit suche ich eine Möglichkeit zur Finanzierung meiner 20-Prozentstelle bei der Kirche. Ich arbeite dort heute ehrenamtlich.

Justine: Ich wünsche mir ein Leben in Freude, ohne Sorgen und Stress … Davon träume ich (lacht).

 

 

Quelle: https://www.freiburger-nachrichten.ch/keine-navigation/die-kirche-soll-ein-licht-der-welt-sein 
Foto: Karam.A
06.05.2020