«Kann ich dir eine Frage stellen?» Ich hatte mir die Zeit genommen, einen befreundeten afrikanischen Pastor in einer anderen Schweizer Stadt zu besuchen. Nach der Begrüssung und dem Austausch einiger Neuigkeiten wollte er offensichtlich ein Thema ansprechen, das ihn beschäftigte. Für mich sind solche Momente Sternstunden.

«Was kann eine christliche Gemeinde wie unsere für die Stadt und die Menschen hier tun? Was ist der Zweck unserer Gemeinde?» Der Freund aus einem zentralafrikanischen Land stellte eine wirklich gute Frage – wie sollte ich ihm eine hilfreiche Antwort geben?

 

Für Migranten sorgen

Ein tamilischer Pastor erzählte mir, dass viele seiner Gemeindeglieder – wie er selbst auch – aus einer Bürgerkriegssituation in die Schweiz geflüchtet waren. Sie haben viel verloren, oft Angehörige, eigentlich ihr ganzes früheres Leben. Wie David in den Psalmen müssen sie diesen Schmerz hinausschreien. In der tamilisch geleiteten Gemeinde finden sie Verständnis und Heimat.

Schweizer Gemeinden können eine solche Situation nicht wirklich nachempfinden. Und sie kommen oft auch mit den aussereuropäischen Ausdrucksformen im Gemeindeleben nicht klar. Solange Schweizer Gemeinden nicht genügend kulturell passende Gruppen, Leiter und Seelsorger haben, können sie Christen mit Migrationshintergrund oft nicht integrieren.

 

Segen für das Land

Die meisten afrikanischen Pastoren, die ich kenne, betrachten ihre Gemeinden nicht als «Migrationskir-chen», eine Fremdbezeichnung aus Schweizer Sicht. Vielmehr nehmen sie sie als «international» wahr, schliesslich erleben sie mehrere Länder – die Schweiz und meist mehr als ein afrikanisches Land – in ihrem Dienst.

Nichtsdestotrotz haben sie ein grosses Anliegen, die Schweiz zu segnen, im regelmässigen und ausdau-ernden Gebet einerseits und im Weitergeben der guten Nachricht von Jesus andererseits. In beiden Be-reichen sehen sie Schweizer Christen als weitgehend abwesend.

 

Dringend benötigte Kompetenzen

Suchte mein afrikanischer Freund mit seiner Frage nach Wegen, um seine Gemeinde aus dem Nischenda-sein zu führen? Denn so wird sie oft wahrgenommen – oder sogar übersehen, weil sie ja nur für «ande-re» da zu sein scheint.

Dabei entwickeln internationale Gemeinden Kompetenzen, die in einer Gesellschaft mit mehr als 37 Pro-zent Menschen mit Migrationshintergrund dringend gebraucht werden. Sie haben kulturelle und sprachli-che Kenntnisse mitgebracht. Sie wissen, was Ausgeschlossene empfinden, wie sich Menschen in prekä-ren Situationen fühlen und wie man kulturelle Unterschiede überbrücken kann. Zugewanderte Christen haben konkrete Schritte getan, um im neuen Land Fuss zu fassen – und dabei Gottes Hilfe erlebt.

Viele südliche Kulturen strahlen eine offenere Art der Gastfreundschaft aus als die schweizerische. Dies ist nicht nur eine Chance für Zugewanderte aus derselben Kultur, sondern auch für andere. Kürzlich lern-te ich einen jungen Brasilianer kennen, der ein Zuhause in einer italienischen Gemeinde gefunden hat: Ihre Offenheit hat die sprachlichen und kulturellen Unterschiede überbrückt.

 

Erfahrungen zur Geltung bringen

Dies sind Erfahrungsschätze, welche die Schweiz bereits jetzt und in Zukunft noch mehr benötigt. Wie können sie zur Geltung gebracht werden? Der erste Schritt ist eigentlich nicht so schwierig: Eine internati-onale Gemeinde zu besuchen, vermittelt bereits Wertschätzung. Daraus können sich Kontakte und Freundschaften entwickeln ebenso wie gemeinsame Aktivitäten und Programme, in denen die Stärken beider Seiten zum Tragen kommen. Auf der internationalen Seite sind dies nicht einfach exotische Spei-sen oder rhythmische Musik, sondern vor allem interkulturelle Sensibilität und zwischenmenschliche Kompetenzen, die oft auf schmerzlichen Wegen erworben wurden.

Wenn eine Migrantin oder ein Migrant Gottes Heilung bei diesen Verwundungen erfährt, entsteht wahre Hoffnung. Hoffnung, die auch andere motivieren kann. Was können «Migrationskirchen» der Schweiz Kostbareres geben?

 

(Dieser Artikel erschien im Magazin Insist 3/19 (S. 25). Das Heft steht zum Download zur Verfügung.)

Autor: Johannes Müller
Foto: Johannes Müller
16.9.2019