«Dieser Gebetsmoment ist wirklich gut gestaltet!» Diesen Eindruck bekamen meine Frau und ich gleichzeitig, als wir den Gottesdienst der Internationalen Kirche Thurgau besuchten. «So etwas schlagen wir für die interkulturellen Programme in unserer Heimatgemeinde auch vor.»

Bei der interkulturellen Arbeit hat man nie ausgelernt, wie man Migranten begegnen und ihnen das Evangelium weitergeben kann. Christliche Gemeinden und Initiativen inspirieren sich oft gegenseitig – ein handfester Ausdruck davon, dass wir als Jünger von Jesus zusammengehören und er alles koordiniert.

Was war an dieser Gebetszeit in Frauenfeld so besonders? Eigentlich etwa ganz Einfaches: Den Anwesenden, die aus den unterschiedlichsten Ländern stammen, wurde die Gelegenheit gegeben, ihre Anliegen auf Kärtchen zu notieren und nach vorne zu bringen. Für ein paar Anliegen wurde sofort öffentlich gebetet. Und es wurde versprochen, dass für alle Anliegen weiter bis zum nächsten der monatlichen Gottesdienste gebetet wird.

Öffentliches Gebet

In unserer Heimatgemeinde helfen wir seit einigen Jahren bei der Organisation von interkulturellen Festen mit, die drei Mal im Jahr stattfinden. Von Anfang an war immer ein Gebetsteam im Haus und betete während des ganzen Anlasses im Hintergrund für die Gäste und das Programm. Aber jetzt sollte das Gebet in den Vordergrund kommen, vorne auf die Bühne. Ich spürte, dass mich dies herausfordern würde, meinen Glauben nicht nur diskret, sondern wagemutiger und sichtbarer zu leben. Öffentliches Gebet würde Gott die Gelegenheit geben, sich zu zeigen. Es wäre auch ein klares Signal an die Gäste aus den verschiedenen Kulturen und Religionen: Wir sind auch «religiös», mehr noch, wir glauben an einen Gott, der sich für jede und jeden interessiert und der konkret eingreift.

Bei der ersten Gebetszeit am nächsten Fest wurden etwa 40 Zettel mit Anliegen abgegeben, beim folgenden Fest schon 60. Wie immer bei diesen Festen war es im Saal recht unruhig. Das Aufschreiben der Gebetsanliegen, manchmal mithilfe der Schweizer Gastgeber, brachte auch die Gespräche neu in Gang. Meine Frau und ich mussten uns einen kleinen Ruck geben, um trotzdem mit dem Gebet zu starten. Während wir laut einige der Bitten vor den himmlischen Vater brachten, merkten wir – zunächst erstaunt und halb unbewusst – wie es im Saal immer leiser wurde, bis auch das letzte Getuschel verstummte. Diese Stille war das Wirken des Heiligen Geistes, gepaart mit der Ehrfurcht vor Gott. Dieser Moment war zwar nur kurz, aber sehr speziell für uns.

Beten mit Musliminnen

Zusammen mit einer pakistanischen Christin leitet meine Frau ein monatliches interkulturelles Frauentreffen. Auch dort hat das Beten mit den Frauen einen festen Platz gefunden. Obwohl die Leiterinnen im Namen von Jesus beten, hat bisher keine Frau aus einer anderen Religion auf die Teilnahme am Treffen verzichtet. Im Gegenteil, eine afghanische Muslimin betonte: «Ich möchte unbedingt zum Frauentreff kommen…wegen dem Gebet! Wenn ihr betet, passiert etwas.»

Kürzlich schilderte eine syrische Muslimin ihr Anliegen: «Meine Tochter hat keine Freundin im Kindergarten. Sie möchte fast nicht gehen und kommt immer traurig heim. Könnt ihr bitte dafür beten?» Am selben Abend kam eine WhatsApp-Nachricht: «Meine Tochter kam freudestrahlend aus dem Kindergarten nach Hause. Sie hat jetzt eine Freundin.» Seither geht das Mädchen gern in den Kindergarten. Gott erhört Gebet!

Mut zum Gebet

Vor mir liegt ein Blatt mit fünf Anliegen vom letzten interkulturellen Fest – mein Teil am Versprechen, dass die Gemeinde für die Gäste bis zum nächsten Mal weiterbetet: fünf Menschen und Familien, die bei Gesundheits- und Zukunftsfragen Hilfe von Gott erhoffen. Ich bin froh, dass ich diese Nöte täglich unserem Vater im Himmel bringen kann.

Dieses Gebet macht noch etwas anderes mit mir: Ich habe neuen Mut bekommen, auch bei persönlichen Begegnungen Menschen aus anderen Kulturen Gebet anzubieten.

(Dieser Artikel erschien im Magazin Insist 2/19 (S. 28). Das Heft steht zum Download zur Verfügung.)

Autor: Johannes Müller
Foto: Johannes Müller
18.4.2019