Jedes Wochenende feiern in der Schweiz über 200 christliche Gemeinden, die von afrikanischen Pastoren geleitet werden, ihre Gottesdienste. Was erlebt man dort als Besucher? Im Rahmen von African Link, unserem Dienst bei MEOS Interkulturelle Dienste, habe ich seit über zehn Jahren die Gelegenheit, verschiedenste Gottesdienste zu besuchen. Immer wieder werde ich persönlich berührt.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Viele afrikanisch geleitete Gemeinden versammeln sich in Industriebauten oder am Sonntagnachmittag als Untermieter bei Schweizer Gemeinden. Wenn ich den Eingang des Gebäudes gefunden habe, ist es nicht mehr schwierig: Oft weisen Schilder und die Geräusche den Weg.

Aber wann beginnt der Gottesdienst? Manchmal gibt es zuerst einen Bibelkurs. Deshalb erkundige ich mich beim Leiter, um welche Zeit ich am besten kommen soll. Er weiss, dass Schweizer klare Zeitangaben schätzen.

Gebet und Worship

Wenn ich afrikanische Pastoren frage, was Schweizer Christen von ihnen lernen können, erwähnen viele spontan das Gebet. Das ist nicht nur eine Behauptung, man spürt es in den Gottesdiensten, die in der Regel mit einer intensiven Gebetszeit starten. Alle Anwesenden werden angeleitet, ihre Freude und Dankbarkeit über Gottes Grösse, seine Liebe und sein Wirken laut auszudrücken. Eine Zeit der Umkehr darf nicht fehlen, auch nicht Fürbitte für tägliche Nöte und für die Schweiz.

Fliessend schliesst sich eine begeisterte Worshipzeit an. Band und Chor umrahmten schon die Gebetszeit, jetzt drehen sie auf. Ich habe schon erlebt, dass dabei ein Drittel der Anwesenden auf der Bühne standen – volle Mobilisation.

Immer willkommen

In einem speziellen Teil werden die Gäste begrüsst und oft als Zeichen der Wertschätzung gebeten aufzustehen. In allen Gemeinden war die Freude über meinen Besuch gross. Beim Aufstehen muss man also nichts befürchten.

Nicht alle Gemeinden übersetzen ihren Gottesdienst sowieso auf Deutsch. Wenn ich die Sprache nicht verstehe, wie in eritreischen Gemeinden, fand sich bisher immer eine Person, die mir das Wichtigste zusammenfasste.

Der lebendigste Moment

Die Predigten erlebe ich anfeuernder als in Schweizer Gemeinden, zum Glück, sie sind auch etwas länger. Aber die Post geht oft erst im letzten Teil des Gottesdiensts so richtig ab: Zu mitreissender Musik bringen die Gottesdienstteilnehmenden ihre Beiträge für die Kollekte nach vorn. Immer wieder wird dabei fröhlich getanzt.

Gott spricht

Vor ein paar Jahren besuchte ich den Gottesdienst einer sehr kleinen afrikanischen Gemeinde. Es waren nur etwa ein Dutzend Leute anwesend. Ich war auch nicht ganz bei der Sache, weil mich eine Frage quälte: Meine Tochter wollte einen Einsatz im Südosten von Niger machen, nur etwa 100 km vom Hauptquartier von Boko Haram entfernt, und die Mission bat um das Einverständnis der Eltern. Das Gottesdienstprogramm war eher durchschnittlich, aber die Erwartung an Gottes Gegenwart und sein Reden war umso grösser. Das packte mich und am Schluss des Gottesdienstes hatte ich die Antwort auf meine Not. Zu Hause fragte ich meine Tochter, ob sie den Eindruck habe, dass Gott sie an jenem Ort haben wollte. Als sie das bejahte, konnte ich sie für den Einsatz in Gottes Hände legen. In diesem Gottesdienst habe ich Gott erlebt – darauf kommt es an.

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[Dieser Artikel erschien in „wort+wärch“ Mai 2019 (S. 12). Download als pdf.]

Autor: Johannes Müller
Foto: wort+wärch
7.6.2019